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 Fotos: Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Jürgen Lösel
Und ewig lockt die Sixtinische Madonna
Für viele Besucher ist Dresden die schönste Stadt Deutschlands, für die Einheimischen sowieso. In diesem Jahr macht sich Sachsens Landeshauptstadt noch ein bisschen attraktiver und präsentiert mit der Sonderausstellung »Die Sixtinische Madonna. Raffaels Kultbild wird 500« einen kulturellen Leckerbissen. Grund genug für uns, einen kleinen Streifzug durch die Stadt zu unternehmen. Text: Frank Störbrauck
Nein, das wird wohl heute nichts mehr. Über uns ist der Himmel grau. Ein hartnäckiger Regen prasselt auf den Regenschirm wie ein nicht enden wollender Trommelwirbel. Beim Blick zum Horizont scheint es, als würde sich daran im Laufe des Tages auch nichts mehr ändern. Eine Frau, vielleicht Mitte 60, raucht eine Zigarette nach der anderen. »Ach ja, wird schon noch. Ist ja April«, sagt sie in die Runde. Sie gehört wie wir zu einer bunten Reisegruppe, die vor dem Eingang des Hotels Maritim Spalier steht und darauf wartet, dass die Tour beginnt.
Ein Regentag in Dresden hat etwas Sentimentales: Die Trottoirs und die Elbpromenade wirken wie leergefegt, und hinter den Scheiben der vorbeifahrenden Autos sind lediglich vernebelte Umrisse zu erkennen; fast scheint es, als wolle sich Dresden in sich zurückziehen. Doch wir denken gar nicht daran. Wir wollen etwas über den Zauber Dresdens erfahren, über das Elbflorenz, wie es immer wieder genannt wird – auch wenn der Himmel heute alles andere als Dolce Vita à la Sachsen ist. Jemand hat eine Broschüre in der Hand. »Leben in der Frauenkirche« steht darauf. Um 10 Uhr beginnt eine Besichtigung und Führung IN der Kirche, ist zu lesen. Na also. Der Auftakt unserer Sightseeing-Tour. Ganz klassisch, mit Frauenkirche, Zwinger und Semperoper. Los geht’s.
Die Frauenkirche liegt gleich um die Ecke - das Maritim-Hotel ist eine gute Wahl für alle Dresden–Besucher, die zu Fuß die Höhepunkte der Stadt erkunden wollen. Ungeduldig warten die ersten Besuchergruppen vor der Frauenkirche, über den Neumarkt fegt ein stürmischer Wind. Eine Gruppe nach der anderen bitte, ruft eine Dame von der Einlasskontrolle von der Treppe herab. Zeit, noch schnell einen Rundgang um die Kirche zu unternehmen und einen schüchternen Blick nach oben zu wagen: Wie winzig man sich in diesem Moment doch zu Füßen der majestätischen Frauenkirche fühlt, der »Steinernen Glocke», wie sie schon zu George Bährs, ihres Architekten, Zeiten genannt wurde.
Wir nehmen an der sogenannten Betstubenführung teil. Eine junge Dame stellt sich auf der ersten Empore als Führerin vor und erläutert unter anderem die Geschichte und den Wiederaufbauprozess der Frauenkirche. Ganz leise spricht sie, man kann sie in der hinteren Sitzreihe kaum verstehen. Mucksmäuschenstill ist es, als sie vom schwarzen Tag der Kirche berichtet: dem Vormittag des 15. Februar 1945 – zwei Tage nach dem verheerenden Bombenangriff auf Dresden –, als die ausgebrannte Kirche in sich zusammenbrach. Dass sie wieder aufgebaut wurde und seit 2005 in vollem Glanz erstrahlt, hat sie engagierten Bürgern zu verdanken, die sich jahrelang für den Wiederaufbau einsetzten. Getreu den Vorgaben George Bährs und unter weitestgehender Verwendung historischer Materialien (13000 Kubikmeter Sandstein!) wurde die Kirche am 30. Oktober 2005 in einem Gottesdienst eingeweiht. Besonders beliebt ist der Aufstieg zur Kuppel und zur 67 Meter hohen Aussichtsplattform der Kirche. Vor dem Kuppelaufstieg am Eingang G scharen sich die Besucher wie die Bienen um die Königin. Oben angekommen, auf dem Gipfel der Kirche, wird man mit einem sensationellen Blick über Dresden belohnt.
Wie angenehm, dass uns bei diesem unverwechselbaren Panorama gleich unser nächstes Objekt der Begierde vor Augen präsentiert wird: der Dresdner Zwinger. Hinabgestiegen, am Neumarkt links in die Töpferstraße, geradeaus in die Schloßstraße, und weiter Richtung Sophienstraße. Das sind nur zehn Fußminuten bis zum Zwinger, vor dessen Toren sich gefühlte 10000 Touristen aufzuhalten scheinen. Besonders Besucher aus China, Japan und Russland scheinen Dresden zu mögen. Kaum rollt ein Reisebus ab Richtung Frauenkirche, schießt auch schon der nächste in die frei gewordene Lücke. Wer nicht gerade seinen Bus sucht oder in der Schlange steht, fotografiert oder filmt. Den Zwinger stets fest im Visier.
Man möchte sich gar nicht ausmalen, wie es hier ab dem 26. Mai aussieht. Dann wird im Zwinger, genauer gesagt in der Gemäldegalerie Alte Meister der Staatlichen Kunstsammlungen, für drei Monate die Sonderausstellung »Die Sixtinische Madonna. Raffaels Kultbild wird 500« präsentiert. Mit mehr als 200 Exponaten, darunter vielen hochkarätigen Leihgaben aus berühmten Museen in Europa, wird erstmalig die ganze Geschichte des Ausnahmewerks erzählt. Es ist das Kulturhighlight des Jahres in Dresden. In Vorfreude auf das Ereignis hat sogar Schäubles Finanzministerium gemeinsam mit dem Vatikan das Sonderpostwertzeichen »500 Jahre Sixtinische Madonna« herausgegeben, seit dem 1. März ist es bei der Post und in Vatikanstadt erhältlich.
Bei so viel Brimborium will man mehr wissen. Was hat es mit dem Gemälde von der »schönsten Frau der Welt« – wie die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden die Madonna preisen – auf sich? Eine Expertin ist Miriam Bothe, Kunsthistorikerin und seit 2006 Stadt- und Museumsführerin in Dresden. »Alle da?«, fragt sie gut gelaunt in die Runde. Nach einem kollektiven Nicken aus der Runde legt Frau Bothe los, plaudert eloquent und kenntnisreich über Raffael, den Mann, der dieses Bild malte: Vor 500 Jahren schuf er mit der »Madonna di Foligno» und der »Sixtinischen Madonna» zwei Meisterwerke der Renaissance, erzählt Frau Bothe. Oft sei im Zusammenhang mit den beiden Gemälden von »Geschwisterbildern« die Rede, denn Raffael malte die Altartafel der »Madonna di Foligno« 1511/12, bevor er im Sommer 1512 von Papst Julius II. den Auftrag zur »Sixtinischen Madonna« erhielt, erläutert sie.
Man glaubt es kaum angesichts der heutigen Popularität des Gemäldes, aber seinerzeit blieb die Sixtinische Madonna fast 250 Jahre an ihrem ursprünglichen Aufstellungsort in Piacenza so gut wie unentdeckt. Niemand scherte sich so recht um das Bild. Dann trat jemand in Erscheinung, dem Dresden heute so viel zu verdanken hat: der sächsische Kurfürst und polnische König August III., Sohn des August des Starken. August III. war nicht nur begeistert von der italienischen Musik, sondern auch von den Kunstwerken der italienischen Maler. Die hübschen Bilder wären doch etwas für uns, dachte er sich, und beauftragte den Kunstagenten Bianconi, die schönsten Gemälde Italiens nach Sachsen zu holen.
Doch das war alles andere als ein Kinderspiel. Zwar erkannte Bianconi die Bedeutung der ,,Sixtinischen Madonna», aber bei seinen Verhandlungspartnern, den Mönchen des Benediktinerklosters San Sisto, war das bedauerlicherweise genauso; die Verhandlungen über die Höhe des Verkaufspreises gestalteten sich ziemlich zäh. Am Ende musste der kunstbeflissene Kurfürst aus Sachsen rund 25000 Scudi auf den Tisch legen, damit das Gemälde über die Alpen reisen durfte. So viel Geld wurde damals noch nie für ein Gemälde bezahlt.
Das hat sich bis heute für Dresden bezahlt gemacht: »Es ist, wenn Sie so wollen, unsere Mona Lisa. Der Höhepunkt unserer Stadt«, schwärmt Miriam Bothe, als wir das Kultbild in der Gemäldegalerie Alte Meister bestaunen. »Das also ist eines der berühmtesten Bilder der Renaissance«, flüstert ein Teilnehmer in die Runde und scheint dabei geradezu vor Ehrfurcht zu erstarren. Bothe bemerkt den besonderen Reiz, den das Gemälde auf die Besucher ausstrahlt. »Viele Betrachter fühlen sich dem Bild unmittelbar verbunden. Es ist ein ganz spezieller Zauber, der von der Madonna und den Engelchen ausgeht«, weiß sie aus jahrelanger Beobachtung der Besucher zu berichten.
Ach ja, die Engelchen. Wer kennt sie nicht aus dem Ramschladen um die Ecke? Als Motive auf Kaffeetassen, Postkarten und Kugelschreibern sind sie an die Öffentlichkeit gezerrt worden – und haben dabei eine eigene »Karriere« durch alle Höhen und Tiefen von Kitsch und Kunst gemacht. Ganz ohne Madonnas Beistand. Für die einen ist das himmlisch schön und herrlich kitschig, für andere einfach nur geschmacklos – aber in jedem Fall die Aufregung wert. Dem eigenen Mythos der Engelchen wird deshalb eine eigene Sektion gewidmet; eine opulente Fülle an Beispielen, Karikaturen und Anekdoten vom frühen 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart wird das ganz eigene Leben der beiden Engelchen porträtieren.
Ganz besonderen Anekdoten, wenn auch keinen über Engelchen, sondern eher über kleine Teufelchen und sonstige Diven, lauschen wir wenig später bei einem Rundgang durch die Semperoper. In dem wohl bekanntesten Opernhaus Deutschlands werden nicht nur Opernvorstellungen, sondern auch Themenführungen angeboten. Wir finden, die »Skandalführung« klingt vielversprechend nach Allüren, Intrigen und sonstigen Gemeinheiten: »Lauschen Sie den ereignisreichen Geschichten des Hauses rund um die Stars und Diven der Opernwelt. Pannen bei Aufführungen, kuriose Gegebenheiten – hier erfahren Sie alles«, heißt es verlockend in der Programmübersicht. Verantwortlich für die Themenführungen ist Gästeführerin Claudia Eulenberger. Gemeinsam mit ihrem Team aus rund 50 Guides bietet sie Besuchern ein interessantes Angebot an Führungen durch das Opernhaus: Es gibt Originalvorlagen von Verzierungen und rekonstruierten Gebäudeteilen zu erkunden, im Zuschauerraum werden die Geheimnisse der besonderen Akustik der Semperoper verraten – und auch die Skandale geraten nicht zu kurz. Kein Wunder, so Eulenberger: »Jeder Besucher möchte das Opernhaus natürlich lebendig und menschlich erleben – mit all seinen Facetten«, verrät sie mit einem Augenzwinkern.
Für Heiterkeit unter den Besuchern sorgt immer wieder die Geschichte über Wilhelmine Schröder-Devrient, die als die größte deutsche Gesangstragödin des 19. Jahrhunderts gilt und über 20 Jahre in Dresden als Sängerin auftrat. Der Operndirektor war hoffnungslos in sie verliebt, sie konnte sich alles erlauben. »Sie zeichnete sich in der Semperoper vor allem dadurch aus, dass sie extrem hohe Gagen verlangte, aber so gut wie nie vor Ort war«, berichtet Claudia Eulenberger. Als sie dann endlich einmal wieder auf der Bühne stand und die Venus sang, hatte sie 20 Kilogramm zugenommen. Die Kritiker und das Publikum waren alles andere als angetan und quittierten den Auftritt der Diva mit Buhrufen.
Frauenkirche, Zwinger, die Sixtinische Madonna und Semperoper – tief beeindruckt und in Gedanken versunken schlendern wir am Nachmittag zurück ins Hotel. Dabei war das nur ein kleiner Ausflug ins Dresdner Kulturleben – von Residenzschloss, Elbschlössern, Villenviertel, Hellerauer Gartenstadt oder den preisgekrönten Bauten moderner Architektur haben wir noch gar nichts gesehen. »Dresden hat mir große Freude gemacht und meine Lust, an Kunst zu denken, wieder belebt. Es ist ein unglaublicher Schatz aller Art an diesem schönen Orte«, lese ich später im Hotel in einem Buch. Johann Wolfgang von Goethe hat das gesagt. Man möchte an das Bonmot nur einen Satz hinzufügen: Auch wenn es regnet.
Anreise. Innerhalb Deutschlands gibt es ab Hamburg, Frankfurt a. M., München, Düsseldorf, Köln/Bonn und Stuttgart Nonstopflüge nach Dresden. Zürich-Flüge können über Swiss und OLT Express gebucht werden, Easyjet pendelt vier Mal pro Woche zwischen Basel-Freiburg und Dresden. Flugplanauskunft und Online-Reisebüro auf der Website: www.dresden-airport.de Unterkunft. Maritim Hotel Dresden, Devrientstr. 10-12, 01067 Dresden, 4-Sterne-Plus-Hotel in einem unter Denkmalschutz stehenden Gebäude, direkt am Ufer der Elbe gelegen, unweit der Marienbrücke. Das Hotel bietet verschiedene Arrangements an, u. a. das Paket »Dresden Sächsisch gut« für 154 Euro pro Person im DZ. Weitere Infos: Tel.: 0351 2160, per E-Mail an
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oder über die Website www.maritim.de Ausstellung. Die Jubiläumsausstellung »Die Sixtinische Madonna. Raffaels Kultbild wird 500« wird vom 26. Mai bis 26. August 2012 in der Gemäldegalerie Alte Meister präsentiert. Die Ausstellung ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, donnerstags und samstags bis 21 Uhr. Der Eintritt beträgt 10 Euro www.skd.museum.de Führung. Miriam Bothe bietet verschiedene Stadtrundgänge und Museumsführungen in Dresden an. Tel.: 0177 617 93 30 oder via E-Mail:
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Info. Dresden Marketing, Messering 7, 01067 Dresden, Tel.: 0351 501 730, www.marketing.dresden.de
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