|
 Foto: Anja Genz
Liebes Brüssel, du schmeckst mir!
Schon mal von den »Big Five« von Brüssel gehört? Damit ist nicht das Großwild von Afrika gemeint, sondern die Freuden um Pommes, Schokolade, Waffeln, Rosenkohl und Muscheln. Das war alles? Nein, bei Weitem nicht! Text: Anja Genz
»Bei Antoine an der Börse gibt es die besten Fritten!« Das war somit das Erste, was mir in Brüssel zu Ohren kam. Da werde ich natürlich hellhörig. Könnte mein Bauch Purzelbäume schlagen, keine Frage, er würde es. Die Vorfreude auf einen Tag voller Leckereien ist zu groß. Genuss ist hier das Ziel. Die Hauptstadt Belgiens steht 2012 unter dem Stern »Brusselicious«. Quasi das kulinarische Jahr Brüssels. Natürlich sind dabei unzählige Feste eingeschlossen, schließlich feiert kaum ein anderes Land in Europa so viel wie die Belgier: kulinarische Festivals, Schokoladenwochen etc.
Aber zurück zu der geschmackvollen »Kleinigkeit« der Belgier: »Frieten«. Schließlich wurden sie hier erfunden und werden bis heute doppelt frittiert. Das sind die wahren Fritten. Sie knuspern und sind fast schon trocken im Vergleich zu den uns bekannt triefenden Pommes. Die Kalorien dürften die gleichen sein. Bei der Saucenauswahl wird es schon schwieriger. Statt langweiligem Rot-Weiß lädt eine lange Liste aus Saucen zum Experimentieren ein. Nicht nur ich genieße hier, sondern auch Parlamentarier aus dem nahen Europaparlament, Besucher und Einheimische. Schließlich ist Antoine die »Fritteninstitution« von Brüssel. Seit 1948!
Was darf es als Nächstes sein? In Belgien ist der Klassiker »Tomates Crevettes« allseits beliebt. Ein sehr einfaches Gericht, das sich als Vorspeise eignet. Eine ausgehöhlte Tomate, gefüllt mit kleinen Krabben und Mayonnaise – das ist das ganze Geheimnis. Wer Fischiges liebt, wird bei den »Garnaalkroketjes« ebenfalls nicht enttäuscht. Es ist eine Art Krokette ohne Kartoffel, dafür mit Krabben. Dazu ein kleiner Salat und Remoulade. Es klingt zwar sehr ungewöhnlich, schmeckt aber tatsächlich. Mein Tipp: einfach beim »Mer du Nord« selbst überzeugen.
Später ist es Zeit für die süße Leckerei, die nicht weniger bekannt ist: Schokolade. Wer allerdings glaubt, Schokolade sei Schokolade, hat weit gefehlt. In Brüssel wird sie zur Kunst. Spätestens in der Manufaktur von Laurent Gerbaud ist dies deutlich. Seine raffinierte Mischung aus Schokoladen lässt höchste Qualität entstehen. Darauf legt er Wert. Er sagt, es gebe schließlich nur zehn Schokoladenproduzenten mit hoher Qualität in Belgien. In seinem Schokoworkshop lasse ich, wie ein kleines Kind mit strahlendem Gesicht, kleine Schokoladen mit Haselnüssen entstehen. Lecker ist Schokolade, aber sie ist vor allem spannend. Schokolade ist eine Wissenschaft für sich, aus Qualität und einer unermesslichen Vielfalt an Geschmacksrichtungen. Das ist aber nicht alles. Erst die Leidenschaft macht Schokolade zum Genuss. Bester Beweis ist Laurent Gerbaud. Wer den quirligen Chocolatier nach seinem »Schokoladenlebenslauf« fragt, ist verblüfft und könnte stundenlang zuhören. Nur so viel: Alles fing illegal in China an, ohne Plan und inzwischen umso erfolgreicher und ganz legal in Brüssel. Neugierige können ihm sogar bei der Arbeit (unter der Woche) zuschauen: direkt durch die große Glasscheibe im Verkaufsraum. Wer mag, genießt eine Tasse heiße Schokolade dazu.
Süßer geht es immer. Wie wäre es mit einem Törtchen oder Makronen? Dann sollte Wittamer auch auf dem Programm stehen. Hier lerne ich, dass die belgische heiße Schokolade sehr dickflüssig ist. Sie scheint im Mund zu schmelzen. Da freut sich der Schocoholic in mir! Ich sitze im Warmen und vernasche einen schokoladigen Traum. Übersetzt heißt das: Törtchen aus Mousse mit leichtem Schokobiskuit. Wäre Sommer, würde ich direkt vor dem Café auf dem Place du Grand Sablon sitzen, träumen und mich in der Manier des Savoir-vivre entspannen.
Das süße Leben suchte man im 16. Jahrhundert im Herzen Brüssels vergebens. Überleben war die erste Priorität. Augustiner Mönche mussten die Armen in der Wolvengracht speisen. Das »Brot aus den Grachten« wurde mit der Zeit umgangssprachlich französisiert. Geblieben sind nur der Name »Pain à la grecque« und ein blätterteigartiger, feiner Geschmack. Er erinnert mich an die »Schweineöhrchen« der deutschen Bäckereien. Das Pain à la grecque ist aber wesentlich flacher. Wo ich schon dabei bin, probiere ich auch gleich den Spekulatius. Aber nicht wie in Brüssel, typisch mit einer Tasse Kaffee. Dafür ist keine Zeit, denn ich muss weiter.
Vor lauter Probieren dürfen die Sehenswürdigkeiten nicht vernachlässigt werden. Der Grand Place, das Wahrzeichen Brüssels, mit seiner prächtigen barocken Fassade ist schnell gefunden. Dagegen muss man genau wissen, wo das Quartier Saint-Catherine ist. Klein und zunächst unscheinbar liegt es nur unweit des bekannten Platzes, etwas im Nordwesten. Es erinnert mich irgendwie an das Schanzenviertel in Hamburg. Vielleicht finde ich es deswegen so sympathisch. Hier trifft man sich schon seit jeher zum Essen und anschließendem Spazieren. Inzwischen sind die niedlichen Lädchen etwas moderner und stylischer geworden, ohne an Qualität einzubüßen. Ob es der kleine Käseladen an der Ecke oder die urgemütliche Bäckerei ist: Sie locken mich mit ihrem Charme und ihren Köstlichkeiten. Sie scheinen »Probier uns« zu flüstern.
Ein anderes Mal sehr gerne. Heute habe ich definitiv genug gekostet, und doch bleibt noch viel für die Zukunft. Bis bald, Brüssel.
Info. Tourismus Flandern-Brüssel, Tel.: 0221 270 97 70, www.flandern.com; Belgien Tourismus, Tel.: 0221 277 59 0, www.belgien-tourismus.de
Anreise. Per Auto, Flugzeug oder Thalys. Mit dem Hochgeschwindigkeitszug ist Brüssel bequem in rund zwei Stunden (ab Köln) erreicht.
WO BEKOMME ICH WAS? Pommes frites: Maison Antoine, Place Jourdan 1, 1040 Brüssel, www.maisonantoine.be Schokolade, Pralinen, Makronen, Konditorei: Wittamer Café, Place du Grand Sablon 6, 1000 Brüssel, www.wittamer.com Schokolade, Pralinen: Laurent Gerbaud Chocolatier, 2 D Rue Ravenstein, 1000 Brüssel, www.chocolatsgerbaud.be Gebäck: (Pain à la grecque, Spekulatius etc.) Dandoy, 31 Rue au Beurre, 1000 Brüssel, www.biscuiteried andoy.be Fisch: (Garnaalkroketjes etc.): Mer du Nord, 45 Rue Sainte Catherine, 1000 Brüssel Belgische Spezialitäten: (z. B. Tomates Crevettes): Au Vieux Saint Martin Grand Sablon 38, 1000 Brüssel, www.auvieuxsaintmartin.be Bäckerei: Boulangerie Charli, 34 Rue Sainte Catherine, 1000 Brüssel, www.charliboulangerie.com Käsefachgeschäft: (z. B. Toast et Pottekaas) Crémerie de Linkebeek, Rue du Vieux marché aux Grains 4, 1000 Brüssel
Veranstaltungen. Kulinarisches Festival: Brusselicious 2012 geht das ganze Jahr über mit vielen kulinarischen Höhepunkten, Bierfestival: 30. August bis 2. September 2012, Schokoladenwochen: 1. bis 11. November 2012, Pommesbudenfestival: 1. bis 30. November 2012. Weitere Veranstaltungen unter: www.brusselicious.be
Weitere Tipps. Musikinstrumente-Museum: Wunderschönes Jugendstilhaus mit 7000 Instrumenten und Restaurant mit Blick über die ganze Stadt. Montagne de la Cour 2, 1000 Brüssel. www.mim.be
|