
Foto: C.T.I Guadeloupe
Savoir vivre auf Karibisch
Die Kokosnuss fällt nicht weit vom Stamm: Auf Guadeloupe finden sich sowohl Pastis trinkende Boulespieler als auch Café-au-Lait schlürfende Croissantliebhaber. Französisches Lebensgefühl plus karibische Unbeschwertheit ergeben: eine wirklich charmante Mischung gepaart mit einer landschaftlichen Vielfalt, die unter den kleinen Antillen ihresgleichen sucht. Text: Ulrike Klaas
Manchmal bekommt die alte Dame einen Temperamentsausbruch. Erst brodelt es ordentlich in ihr, dann explodiert sie und färbt die Strände im Westen von Basse-Terre noch grauer. Zuletzt geschah dies 1976. Wer die alte Dame besuchen möchte, muss hoch hinaus. Schmal und kurvenreich zieht sich die Straße von Basse-Terre das Gebirge hinauf. Irgendwann geht es mit dem Auto nicht weiter. Nun heißt es die Wanderschuhe schnüren, die Regenjacke in den Rucksack packen und der alten Dame entgegenmarschieren. Die Sonne bildet schnell Schweißtropfen auf der Stirn. Umso weiter man hinauf kommt, desto glitschiger sind die Steine. Das Atmen fällt schwerer als im Dampfbad, und nun perlen auch Wassertropfen die Regenjacke hinab. Zehn von zwölf Monaten regnet es in den Urwäldern, die sich die Soufrière hinaufziehen, Guadeloupes aktivem Vulkan, der von den Einwohnern liebevoll »alte Dame« genannt wird. Zwischen dem üppigen Grün der mannshohen Farne, der Dschungelbäume und der wuchernden Schlingpflanzen wachsen lila, gelbe und rote Blüten. Insekten schwirren am Kopf vorbei, und das Gequake der Frösche schwillt hier und da zu einem wahren Konzert an. Nach zwei Stunden ist es vollbracht. Das erste Plateau von insgesamt dreien ist erklommen. Von hier aus sieht man die kleinen Inselchen des Les-Saintes-Archipels, und ganz in der Ferne ist sogar Dominica zu erkennen. Der Anstieg bis zum Kraterrand ist dann noch einmal eine ganz schöne Kletterei, aber der karibische Rundumblick belohnt die Mühe. Wildes Abenteuer links, zuckersüße Traumstrände rechts – Guadeloupe ist sozusagen das Rundumpaket unter den kleinen Antillen: eine imposante landschaftliche Vielfalt auf doch recht kleinem Raum. Im Westen ragen hohe Berge empor, deren höchste Erhebung der noch aktive Vulkan Soufrière ist, umgeben von der wunderschönen tropisch-üppigen Natur des Urwaldes, in dem sich die 130 Meter hohen Wasserfälle Chutes du Carbet in die Tiefe stürzen. Im Osten hingegen ist das Land flach und trocken. Perfekter Boden für Zuckerrohrplantagen – die hier auch das Bild bestimmen. Karibisch-paradiesisch sind jedoch die weißen Strände am türkisfarbenen Meer. Und dann gibt es da noch die vorgelagerten Inseln von Guadeloupe: Marie-Galante, Petite-Terre, Les Saintes, La Désirade, Saint-Martin und Saint-Barthélemy. Basse-Terre und Grande-Terre bilden allerdings die Hauptinsel, geformt als viel beschriebener Schmetterling mit ungleichen Flügeln. Basse-Terre ist der Westen, der linke Flügel. Wild, unbändig und urtümlich. Perfekt für aktive Urlauber! Der rechte Flügel, Grande-Terre, ist die gediegene, die Schokoladenseite, die karibische Urlaubsträume wahr werden lässt. Eben ein Eldorado für Sonnenanbeter und Wassersportfans. Doch was verbindet die beiden unterschiedlichen Schmetterlingsflügel? Pointe-à-Pitre, die Inselmetropole, das Paris von Guadeloupe. Hier kann das Überseedépartment sein Mutterland nicht verleugnen. Zur Rushhour schieben sich die Peugeots und Renaults Stoßstange an Stoßstange durch die Straßen, begleitet von einem ständigen Hupkonzert, wie sich das für eine französische Stadt eben so gehört. Warnblinklicht und in zweiter Reihe parken gehört hier genauso zum guten Ton wie in den niedlichen Straßencafés einen Café Noisette zu schlürfen. Auf der Rue de Frébault flanieren Damen mit Hermès- oder Dior-Handtasche und finden in den Boutiquen all das, was es auch in den teuren Edelboutiquen auf den Champs-Elysées zu kaufen gibt. Mit dem Euro wird bezahlt. Schließlich heißt der Präsident Nikolas Sarkozy und die Hauptstadt Paris, auch wenn Pointe-á-Pitre von der Ile de France ganze 7000 Kilometer Luftlinie entfernt liegt. Und das karibische Flair? Nur ein paar Straßen weiter reihen sich Ateliers, in denen einheimische Künstler ihre Werke präsentieren, an himmelblaue, knallgelbe, babyrosa und lindgrüne Straßenläden. Eine echte Souvenirfundgrube: Korbwaren, kreolische Puppen, Muscheln, Stickereien und Töpferware stöbert man hier auf. Auch den vorzüglichen Rum. »Unser Grundnahrungsmittel«, sagt Verkäuferin Marie, die einen gelbroten Turban auf dem Kopf trägt, augenzwinkernd. Bei jeder ihrer Bewegungen klimpern die diversen goldenen Armbänder, Ketten und Ohrringe. Dies sei der beste der Welt, erklärt sie, denn im Gegensatz zu den Rumsorten der anderen Karibikinseln würde er nicht aus der Melasse hergestellt, einem Rückstandsprodukt der Zuckerherstellung, sondern direkt aus ausgepresstem Zuckerrohrsaft. Den Melasserum gäbe es nur in der Haushaltsabteilung zum Saubermachen. So was tränke hier keiner. Wieder auf der Straße, ertönt Trommelwirbel. Den gibt es jeden Samstagmorgen in der Fußgängerzone in Pointe-à-Pitre, wenn Einheimische mit der Gwoka, der traditionellen Trommelmusik, den Flanierern ordentlich einheizen. Hier trifft man auf Urlauber wie Camille Munier. Parlez-vous français? Bien sûr! Die 65-jährige Rentnerin mit der großen Brille und dem geblümten Kleid reist gerne dahin, wo man sie versteht. Die letzten Jahre verbrachte die aus Nizza stammende Französin auf La Réunion, nun sei es an der Zeit gewesen, Neues zu entdecken. Camille ist eine sogenannte Festlandfranzösin, wie man sie in dem französischen Überseedépartment nur zu oft antrifft, denn rund 90 Prozent der Urlauber auf Guadeloupe kommen aus dem Tausende Kilometer entfernten Frankreich. Sie hat in der letzten Woche bereits die beiden unterschiedlichen Inselhälften Basse-Terre und Grande-Terre »abgegrast«. Nun möchte die fidele Rentnerin in ihrer letzten Woche noch die vorgelagerten Inseln in Augenschein nehmen. Das Schiff kämpft sich wacker durch die Wellen, die sich vom Atlantik her auftürmen. Nichtsdestotrotz herrscht an Bord ausgelassene Club-Med-Stimmung. Was nicht zuletzt an dem Planteur liegt, einem Cocktail aus Fruchtsaft und Rum, der in rauen Mengen in die Gläser der überwiegend französischen Touristen wandert. Das Schiff hatte früh um acht Uhr in St. Francois abgelegt. Das Ziel: Petite-Terre im Osten von Guadeloupe, zwei winzige unbewohnte, durch ein Riff verbundene Inselchen, die unter Naturschutz stehen. Ein echter Südseetraum vor allem für Schnorchler und Taucher, denn Seefächer, Anemonen und Schwärme von kleinen blau leuchtenden Fischen ziehen vor der Taucherbrille vorbei. Wo Franzosen urlauben, darf ein Picknick natürlich nicht fehlen. Da breitet Vater die Picknickdecke aus, und Mutter schneidet das Baguette in handliche Stücke. Dazu serviert sie Camembert und Beaujolais, während die Kinder nicht dazu zu bewegen sind, das türkisfarbene lauwarme Wasser zu verlassen. Nicht nur, dass die Hauptinsel Guadeloupes mit enormer landschaftlicher Vielfalt besticht, die vorgelagerten Inseln tragen noch mit dazu bei. La Désirade, die für Kolumbus’ Seemänner, die nach einer langen Reise der Verzweiflung nah waren, nur die »Ersehnte« heißen konnte. Eine einzige Straße führt über das beschauliche Inselchen, auf der gerade einmal rund 2000 Einwohner ein ruhiges und einfaches Leben führen. Marie-Galante ist wesentlich größer mit 14000 Einwohnern und für ihre wunderschönen Sandstrände, die Mangroven und den besten Rum des Archipels, so sagt man, bekannt. Das winzigste Archipel der Inselgruppe, die Les Saintes, aber sind der Touristenliebling, nicht zuletzt wegen der tiefblauen Bucht, den Stränden und den »Puppenhäuschen« auf Terre-de-Haute sowie der vielen Kakteenkolonien. Das Archipel Les Saintes besteht aus neun kleinen Inseln, von denen nur zwei bewohnt sind. Langsam verliert das Schiff an Fahrt und tuckert durch das Riff zur Lagune von St. Francois. »Die zwei Wochen sind viel zu schnell vergangen«, findet Camille Munier. Sie hat noch längst nicht alle Inseln von Guadeloupe »abgepicknickt«, und der Aufstieg zur »alten Dame«, der Soufrière, steht auch noch aus. Aber sie kommt wieder, »das ist beschlossene Sache«, denn französisches Savoir-vivre mit einem Schuss karibischer Unbeschwertheit ist die perfekte Urlaubsmischung, findet sie!
ANREISE. Air France fliegt täglich via Paris nach Guadeloupe und Saint Martin. www.airfrance.com. Mit Air Caraibes und anderen regionalen Fluggesellschaften kann man alle Inseln des Archipels problemlos anfliegen TAGESAUSFLÜGE. Von der Hauptinsel Guadeloupe gibt es täglich Fährverbindungen nach Marie-Galante (von Pointe-à-Pitre aus), Les Saintes (von Basse-Terre aus), La Désirade und Petite-Terre (von St. Francois aus) INSELHOPPING. Karibikreisen bietet Yachtkreuzfahrten im Archipel von Guadeloupe an, vier Tage ab 550 Euro, eine Woche ab 960 Euro (Preise können variieren). Ein spezielles Inselhüpfprogramm per Schnellfähre durch das Guadeloupe-Archipel kostet für zwei Wochen ab 1159 Euro (Preise können variieren). Mehr Infos unter www.karibikreisen.com BESTE REISEZEIT. Mit seinem angenehm warmen Klima eignet sich Guadeloupe ganzjährig als Reiseziel. Von Dezember bis Februar sind die Abende angenehm mild, tagsüber bewegen sich die Temperaturen zwischen 19 und 28 Grad. Februar bis April sind die trockensten Monate INFOS. Fremdenverkehrsbüro von Guadeloupe, Postfach 140212, 70072 Stuttgart, Tel.: 07115053511, Email:
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