Alles, was ich in meiner Tasche habe, sind ein Buchungscode für einen Flug nach Irgendwo und eine Reisegarderobe, von der ich hoffe, für alle Wetterlagen von Istanbul bis Stockholm gerüstet zu sein. Blind Booking nennt sich das Angebot von Germanwings, bei dem man auch kurzfristig noch Tickets zum Schnäppchenpreis kriegt, dafür aber auch nicht weiß, wo es hin gehen wird. Das erfährt man normalerweise am Abschluss des Buchungsvorgangs, doch mein Ticket hat die Redaktion gebucht und natürlich nichts verraten. Die nette Dame vom Schalter übergibt mir hoch offiziell mein Ticket, nennt mir das Flugziel, und ihr Kollege, der die dazugehörige Story nicht kennt und sich offensichtlich fragt, was ich denn wohl für ein merkwürdiger Typ sei, muss das Ganze fotografisch festhalten. Ich bin ja nicht zum Spaß hier, und deswegen brauche ich genau solche Jahrhundertbilder. Warschau also! Später am Tag kurve ich mit dem Flughafenbus durch reichlich trostlose Vororte, aber ich bleibe einfach so lange sitzen, bis es schön wird, und steige dann erst aus. »Nowy Swiat«, zu Deutsch: »Neue Welt«, heißt die Straße, erfahre ich später, als ich dort entlangschlendere und feststellen muss, dass in der neuen Welt zu vorgerückter Stunde alle Restaurants schon zu haben. Eine Welt, in der es nichts zu essen gibt, ist nicht meine Welt, denke ich, stoße dann aber doch noch auf eine Dönerbude. Laut, dreckig, hässlich, asozial, gefährlich, kurzum abstoßend! Das ist Praga, wo ich am nächsten Tag, nach einer ausgedehnten Sightseeing-Tour in der Innenstadt, als nächstes hin will. Das sagen zumindest alle Warschauer, die ich getroffen habe von dem Stadtteil. Hochburg der Künstler und Alternativen, kreative Keimzelle und das nächste große Ding in Warschau, sagen allerdings die Reiseführer, und daher will ich mir mein eigenes Urteil bilden. Dafür muss ich aber zunächst mal ans andere Weichselufer. Doch Praga wirkt weder sonderlich gefährlich noch übermäßig kreativ auf mich. Eher wie einganz normaler, leicht runtergekommener Stadtteil mit ein paar netten Bars. Zum Abendessen gönne ich mir den nächsten polnischen Klassiker. Und während ich mein Bigos, eine Art Sauerkrauteintopf löffele, wundere ich mich noch immer über diese seltsame Praga-Phobie der Warschauer. Aber vielleicht ist es einfach das alte Phänomen, dass die Leute überall denken, die zivilisierte Welt würde gleich auf der anderen Seite des Flusses enden. Auch das kommt mir irgendwie bekannt vor. Schäl Sick, sagt der Kölner dazu, und ich nehme mir vor, zu Hause auch mal intensiver das andere Rheinufer zu erkunden.
Text: Alexander Schulz
BLIND BOOKING.
Germanwings bietet beim Blind Booking Flüge von Köln/Bonn, Stuttgart und Berlin aus an. Der Preis beträgt pro Flugstrecke inkl. Steuern und Gebühren € 19,95, die Flugdaten kann man selbstverständlich frei wählen. Insgesamt stehen sechs verschiedene Themenpakete zur Auswahl: Party, Shopping, Schnee und Ski, Kultur sowie Metropole West- bzw. Osteuropa. Das volle Programm gibt es aber nur ab Köln, wer in Stuttgart startet, kann unter immerhin vier Paketen wählen. Von Berlin aus ist das Angebot noch eher spärlich. Pro Themenpackage sind zwischen acht und elf Städte in der Verlosung, bis zu fünf davon kann man im Voraus – gegen einen Aufpreis von je € 2,50 – ausschließen. Wo es hingeht, erfährt der überraschungshungrige Blind Booker am Ende des Buchungsvorgangs. Es sei denn natürlich, er lässt buchen ...
BUCHUNG UND INFORMATIONEN.
Unter www.germanwings.com unter der Rubrik Top-Angebote.
»Schönheit«, sinniert Jacques Herzog, »ist auch eine Frage des Geschmacks. « Aber eigentlich gehe es ja gar nicht um Geschmack, sondern um das Geheimnis der Schönheit, die alle Menschen Anzieht. Diese Schönheit, verrät Herzog, während er durch Peking schlendert, zeige sich auf verschiedenen Ebenen: »Durch gutes Funktionieren, interessante Proportionen und Farben – oder durch einen unerklärlichen Zauber. Gewisse Projekte haben das, andere nicht.« Die meisten Projekte von Jacques Herzog und Pierre de Meuron haben das. Zum Beispiel die Bibliothek in Cottbus. Sie fasziniert, ist schräg und sogar tätowiert. Von außen lassen stilisierte Schriftzeichen auf der Glasfassade, die den kurvigen Bau umhüllt, auf die Funktion und den Inhalt des Gebäudes schließen. Wer vermutet, dass in der ostdeutschen Bibliothek der blässliche Charme des Archivars waltet, dürfte schockiert sein. Im Innern herrscht fröhliche Anarchie. Der Metapher folgend, dass die Bücher die Gärten sind, die wir in unseren Taschen mit uns herumtragen, blühen in der Bibliothek konsequent die fantasievollsten Farben. Pink, Rot, Grün. Wie ein Schneckenhaus schraubt sich die Treppe Etage um Etage empor zu den unerwartet strengen Bücherregalen. Und weil die linientreuen Regalreihen die geschwungene Baustruktur nie ganz ausfüllen, entstehen Leeräume, in Weißgrau gehalten, in die man sich dezent zum Lesen zurückziehen kann. Ansonsten verheißen die Farben Orientierung. Bei Grün darf man pinkeln, bei Gelb Cappuccino trinken. Aber zurück zur Schönheit. Und nach Peking. Hier haben Jacques Herzog und Pierre de Meuron, die schon seit Kindertagen fest befreundet und seit mehr als 30 Jahren auch geschäftliche Partner in Basel sind, ihr bisher repräsentativstes Projekt gestaltet. Das chinesische Olympiastadion, das von den Medien den symbolischen und heimeligen Namen »Vogelnest « erhielt. Auch hier haben Herzog und de Meuron mit einer zurückhaltenden, sinnlich rationalen Fragehaltung begonnen, mit der sie (bisher) zwar keinen eigenen Stil begründen konnten – und die wohl nur unzureichend mit der Schweizer Diplomatie beschrieben wäre –, die aber gerade durch diese ungewöhnliche gedankliche Offenheit und Unvoreingenommenheit immer wieder an den unterschiedlichsten Orten etwas Zauberhaftes hervorbringt. »Sie beginnen bei null. Alles ist offen. Sie haben keine vorgefertigte Vorstellung, wenn sie etwas beginnen«, bemerkt Ai WeiWei, einer der einflussreichsten Künstler Chinas und kultureller Dragoman von Herzog & de Meuron. Er war es der Herzog & de Meuron den Ort, China, dessen Tradition und Denkweisen zu verstehen – und letztendlich das Stadion zu realisieren half. Herzogs und de Meurons Lösungen sind immer sensibel und klug und schaffen auf diese Weise »places to be«. »Das, was mich einst zutiefst beeindruckt und beeinflusst hat«, versucht Jacques Herzog den Ursprung seiner Kreativität in Worte zu fassen, »ist die Erkenntnis, dass die Welt nicht zu Ende gebaut und nicht zu Ende gedacht ist.« Gerade dieses Unfertige, auch Chaotische, verberge das Besondere, aus dem man schöpfen könne. »Und manchmal muss man einfach bereit sein, die Schönheit wahrzunehmen und zu erkennen.«
Text: Carolin John
LESENSWERT.
Herzog & de Meuron: Das Gesamtwerk, in vier Bänden (1978-2001), hrsg. v. Gerhard Mack, Birkhäuser-Verlag, um € 440
SEHENSWERT.
Der Film »Bird’s Nest: Herzog & de Meuron in China« – Ein faszinierender Film über die interkulturellen Schwierigkeiten beim Stadionbau in Peking; DVD erschienen bei der Edition Salzgeber
EINE REISE WERT.
Zum Übernachten nach Luzern in das von Herzog & de Meuron erweiterte Vier-Sterne- Hotel Astoria. Bald fertiggestellt: die Elbphilharmonie in Hamburg. Und zum Kunstgucken in die Tate Gallery und ins Laban Dance Centre in London
Hüttenzauber
JAUSESTATION MAHLTAL.
Fia de Jause hod die Heidi in ihr »Waldbeere«- Picknickkörbchen aus Wollfilz Kaffee und Törtchen gepoackt. Karen Weidner, € 550.
ROTHIRSCHALPE.
Leni hat koa kaltn Füße mehr. Denn die Gummistiefel haben ein Innenfutter. Von Giesswein, um € 50.
ALMBLICK.
Hirsche gibt’s hier viele. Aba oan scheen auf Essex- Crystal umrandet von 64 Brillanten hat die Waltraud nur ein Mal g’sehen. Von Der Fuchs, € 16500.
GAISLACHKOGL.
Aa de Bobsi will a Lederhose drogn. Gerne auch als Lammleder-Täschchen mit Hirschhornknöpfen. Von Daniel Fendler, um € 90.